Heute vor einem Jahr

Möge die Straße uns zusammenführen und der Wind in deinem Rücken sein.
Sanft falle Regen auf deine Felder und warm auf dein Gesicht der Sonnenschein.
Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.
Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.

Führe die Straße, die du gehst, immer nur zu deinem Ziel bergab.
Hab‘, wenn es kühl wird, warme Gedanken und den vollen Mond in dunkler Nacht.
Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.
Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.

Bis wir uns ‚mal wiedersehen, hoffe ich, dass Gott dich nicht verlässt.
Er halte dich in seinen Händen, doch drücke seine Faust dich nie zu fest.
Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.
Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.

Irisches Segenslied

Ein Jahr. Ohne Dich.

Mal kommt es mir vor, als sei alles gestern passiert, als sei alles so nah. Es ist ja auch nah. Aber dann wieder habe ich das Gefühl, als sei es schon ewig her, dass wir in Leipzig waren, dass wir in dem kleinen Raum Abschied von Madita genommen haben. In ewig weiter Ferne. Doch an dem Schmerz, der bleibt, ändert das nichts. Nach wie vor gibt es solche und solche Tage – zu sagen „gute“ und „schlechte“ wäre unangebracht, denn traurige, schwere Tage gehören dazu und sind wichtig …
Und auch wenn ein Jahr doch schon eine gewisse Zeitspanne darstellt, ist doch lange noch nicht alles „verarbeitet und vorbei“. Das wird es wohl nie sein, auch nicht, wenn in zweieinhalb Wochen Maditas Schwester schlüpft. Unser Alltag ist in gewisser Weise von dem bestimmt, was wir vor einem Jahr mit Madita erlebt haben. Es hat uns verändert. Das Leben ist nicht leichter geworden, im Gegenteil. Aber die Veränderungen waren nicht nur schlecht. Unsere Tochter hat uns viel geschenkt …

Heute denken wir an diesen unsäglichen Montag vor einem Jahr. Mit Tränen in den Augen, aber auch dankbar für die Zeit, die wir mit Madita hatten und dafür, dass sie selbst entschieden hat, wann sie geht (und wir nicht über ein Abstellen von Maschinen bestimmen mussten).

Ich kann mich noch gut an diesen Tag erinnern …
An den Anruf von der Station, wir müssten nun ganz schnell wiederkommen. An die Worte des Arztes, der Madita zweimal reanimiert hatte. An das Durcheinander und das ganze Personal an Maditas Bett, als wir auf die Station kamen. An die riesigen hellblauen Zahlen auf ihrem Monitor. An das eilige Aufstellen von spanischen Wänden. An das Beatmungsgerät, was um das Bett herumgeschoben werden musste, damit Madita auf meinen Arm konnte. An den Monitor, der weggedreht und lautlos gestellt wurde. An den Arzt, der irgendwann kam und sagte, sie sei gestorben – wo doch ihre Brust sich noch hob und senkte. An das Entfernen aller Schläuche und Kabel. An das Treffen mit Monika, Thomas, Laurenz und später Christoph. An das Sofa in dem Zimmer oben. An unser totes Kind in meinen Armen.

An unsere Flucht aus Leipzig. Es war der letzte sonnige Herbsttag, an dem Madita starb. Als wir am nächsten Morgen in unserem Bett in Halle aufwachten, war die Welt in Nebel gehüllt. Wie angehalten. Am darauffolgenden Tag, Mittwoch, war der Nebel unglaublich dicht und blieb den ganzen Tag. An diesem Tag hatten wir einige schwere Wege zu erledigen. Beerdigungsinstitut. Sarg aussuchen. Friedhof. Requiem planen.
Madita war bei uns. Sie ist es jeden Tag.

*

Heute vor einem Jahr, morgens und abends. Und hier auch.