Wie Madita nach Leipzig kam

Lange hab ich diesen Tag bzw. diesen Teil des Tages erfolgreich verdrängt. Manche Dinge kann man nicht immer vor Augen haben, ich kann nicht alle traurigen Themen gleichzeit bearbeiten. Doch gestern Abend, ganz plötzlich, war alles wieder da, glasklar.

Am Donnerstag, den 29. September 2011, war es endlich so weit. Nach sieben Stunden im Geburtshaus hielt ich um zehn vor zehn ein kleines, flutschiges Mädchen in meinen Händen. Die Geburt war schön, nicht zu lang, natürlich schmerzhaft aber völlig komplikationslos. Wie im Bilderbuch. Ich höre noch die Hebammen beim Herztönehören: „Mensch, so tolle Herztöne während der Geburt!“. Und dann war sie da. Ich war extrem müde und in erster Linie froh, dass es vorbei war. Johannes weinte ein bisschen. Wir kuschelten uns ins Bett, machten ein paar Bilder. Wir waren ganz allein im Raum, das war schön. Hörten „Down To The River To Pray“ – nicht ahnend, dass wir dieses Lied achtundvierzig Tage später in einer randvollen Kirche hören würden. Ich weiß noch ganz genau, wie Johannes sagte: „Ich bin so froh, dass ihr beide gesund seid!“ (ich hatte kurz nach der Geburt ganz kurz eine etwas starke Blutung, da hatte er Angst – außerdem lernt er im Studium ja nur, was alles schiefgehen kann, da hätte ich auch Angst).

Gegen zwölf kamen die Hebammen wieder, ich sollte unter die Dusche und Johannes sollte die Madita waschen und anziehen, dass wir heim könnten. Aus dem Duschen wurde nichts, mein Kreislauf war irgendwo unter der Erde. Mit warmem Wasser wusch Johannes das kleine Mädchen, dann fiel auf, dass sich das Blut am Kopf wohl nicht abwaschen ließ. Beide Hebammen schauten drauf, ich weiß nicht, was für Blicke sie sich zuwarfen, hörte aber: „So können wir Euch nicht nach Hause lassen.“ Das war meine absolute Horrovorstellung, ich fing an zu weinen. Sie riefen die Kinderärztin an (bei den ich kurioserweise genau am Tag zuvor war, um Madita anzumelden). Sie kam sofort, gratulierte uns … und fand Madita ein bisschen livide (bläulich). Der Kopf hat ihr auch nicht gefallen, Madita müsse in die Klinik. Ich hab wieder geweint, die Ärztin wollte mich beruhigen, meinte, wir bekämen dort ein Zimmer, Madita würde ein bisschen gepäppelt und dann operiert und alles würde gut. Madita bekam einen Body angezogen und durfte wieder zu mir. Die Ärztin rief den Rettungswagen und ging. Eine Weile darauf kamen zwei Sanitäter, männlich, ohne anzuklopfen, ins Geburtszimmer. Zum Glück lag ich unter der Decke. Dumme Blicke, auf mich, auf Madita, auf die Plazenta, die auf einer Unterlage noch in einer Zimmerecke lag. Dann der Spruch: „Öh, ich wusste ja gar nicht, dass wir ’n Baby holen soll’n … dafür ha’m wa ja gar nüscht mit …“. Wenn ich gekonnt hätte, wär ich aufgesprungen und hätte dem eine geknallt. Sie beredeten sich mit den Hebammen. Wir beschlossen, dass Johannes mit Madita in die Klinik fährt, ich würde im Geburtshaus bleiben. Sie wickelten Madita in eine Decke, ich durfte mich noch kurz verabschieden, dann waren sie weg. Während der Fahrt (fünf Minuten), hielt der eine Sanitäter Madita auf dem Arm. Mit Blaulicht in Sirene ins Krankenhaus …

Noch vorher hatten wir Johannes‘ Eltern angerufen bzw. nur seinen Vater erreicht, der sich sofort auf den Weg machte. Meine Mama habe ich auch angerufen, sie wohnt aber 400km weit entfernt. Johannes‘ Vater kam, das tat mir gut. Seine Mutter rief zurück, sie habe den Anruf gesehen auf ihrem Handy. Sie kam auch sofort. Wir beschlossen, dass sein Vater in die Klinik gehen sollte, um Johannes zu unterstützen. Ich kann mich nun nicht mehr an genaue Zeitspannen erinnern, irgendwann sollte ich nochmal versuchen zu duschen, das ging nicht, weil ich immer noch nichts gegessen und das Abendbrot von Mittwoch unter der Geburt wieder hinausgefördert hatte. Aber essen ging auch nicht. Johannes‘ Mutter ging dann auch in die Klinik, ich wollte glaube ich schlafen, meine Yogalehrerin aus dem Geburtshaus kam auch noch zu mir. Natürlich war an Schlaf nicht zu denken. Hab auch irgendwann mal mit Johannes telefoniert, kann mich aber kaum erinnern, jedenfalls kam er eine Weile darauf zu mir zurück.

Weinend. Der diensthabende Arzt hatte, weil er schon einmal ein Kind mit einem solchen Kopfhautdefekt untersucht hat, welches dann einen Herzfehler hatte, einen Herzultraschall gemacht. Er sah, dass irgendetwas nicht stimmte und entschied, Madita zur genaueren Untersuchung und Behandlung nach Leipzig ins Herzzentrum zu verlegen. Ein Helikopter wurde angefordert. Johannes berichtete auch, dass Madita in der Klinik einfach aufhörte zu schreien. Auf seine Frage, wieso sie das tue, meinte der Arzt, sie sei völlig fertig.

Wir weinten und waren einfach am Ende. Das Fenster stand sperrangelweit offen, wir hörten, wie der Helikopter angeflogen am. Eine Weile später flog er wieder davon, und wir wussten ganz genau, dass da jetzt die Madita drin ist. Wenn ich nur daran denke bekomme ich eine Gänsehaut. An Helikopter kann ich mich nur schwer gewöhnen.

Wir beschlossen, zusammenzubleiben. Johannes hätte im Helikopter nicht mitfliegen können, wäre er hinterhergefahren, hätte er stundenlang im Warteraum der Intensivstation gesessen, allein. Die Hebammen sagten, wir könnten dableiben, so lange wir wollte. Sie hatten mir Kuchen gekauft. Wenn wir gehen wollten, sollten wir sie anrufen, sie kämen dann um abzuschließen. wir redeten uns Mut zu, so schlimm könne es ja nicht sein, das hätte man ja vorher schon gesehen … Madita hatte beste Apgarwerte, alles lief so toll. Da könne gar nichts schlimmes sein!

Ich habe ein bisschen geschlafen. Johannes nicht, er machte sich unendlich viele Sorgen, klar, er kennt ja auch alle möglichen Diagnosen.

Irgendwann gegen sieben am Abend habe ich es geschafft zu duschen. Wir wollten nach Hause, etwas essen, schlafen, und am nächsten Morgen nach Leipzig fahren. Nach dem Duschen versuchten wir, im Herzzentrum anzurufen, mehrmals, erfolglos. Eine der Hebammen kam, half aufzuräumen, wir zogen das Bett ab, packten unsere Sachen. Saßen auf der Bettkante und versuchten es noch einmal in Leipzig … und erreichten jemanden. Die diensthabende Oberärztin hatte schon versucht, uns zu Hause zu erreichen (da war natürlich niemand). Sie rasselte eine Riesenliste herunter, was alles mit Madita sei und was man gemacht habe. Ich kann mich nur an Bruchstücke erinnern. Herz kaputt, Medikamente, Beatmung, künstliches Koma, mittels Herzkatheter und Ballon irgendein Loch irgendwo rein gerissen (absichtlich), kardiogener Schock, … ich glaub die Hebamme weinte am lautesten, ich dachte ich fall um, hab mich gefragt wann ich aufwache, das könne doch alles gar nicht stimmen … sie gab uns sofort Rescuetropfen. Johannes fragte: „Sollen wir heute noch kommen?“ Oberärztin: „Ja, auf jeden Fall. Fahren Sie nicht selbst. Aber kommen Sie schnell.“

Später hat mir Johannes erzählt, im Klartext habe sie am Telefon gesagt, dass Madita die Nacht nicht überleben würde. Wir haben seine Eltern angerufen, die Hebamme die zweite Hebamme. Alle kamen sofort. Ich konnte mich nicht losreißen, die Hebammen auch nicht, aber dann fuhren wir. Meine Hebamme drückte mir noch eine Milchpumpe in die Hand und schenkte uns ein Fläschchen Rescuetropfen. Wir holten noch belegte Brote aus der Wohnung. Johannes‘ Vater fuhr durch die Nacht nach Leipzig.

In Leipzig. Die ersten Schilder „Herzzentrum“. Ich dachte, das geht mich alles nichts an, ich will schlafen. In die Klinik, an die Rezeption. Wir wollen zu Madita. „Wann ist sie hierher gekommen?“ „Heute.“ „Und wann ist die Patientin geboren?“ „Heute.“ Verwirrte Blicke (obwohl da oft Neugeborene liegen). Wegerklärung. Fahrstuhl. Knopf „2A“ drücken – Kinderintensivstation. In den Warteraum. Klingeln. Eine Schwester kam heraus.

Erklärte uns ganz ruhig, dass nur zwei Leute auf einmal herein dürften. Wie wir die Kittel anziehen und uns desinfizieren müssten. Johannes‘ Eltern blieben im Warteraum. Wir wurden an das winzige Bett geführt.

Alles blinkte, Monitore, Perfusoren, tausende von Schläuchen und Kabeln … ich bekam sofort einen bequemen Stuhl und die Schwester sagte, die Ärztin würde gleich mit uns sprechen. Ich fragte, ob da snicht morgen möglich sei, wir seien so fertig. Nein, es müsse heute sein – klar, weil wohl niemand so wirklich glaubte, dass Madita die Nacht überlebt.

Die Ärztin kam und fing an zu erzählen, das Gleiche wie am Telefon. Gleich darauf kamen Johannes‘ Eltern. Die Schwester hatte sie hereingeholt, weil sie der Meinung war, hier müsse jetzt jemand dabei sein, der einigermaßen klar bei Verstand sei. Ich weiß nicht mehr was sonst war. Ich weiß, dass ich froh war, nicht vom Stuhl zu fallen. Dass ich nicht glauben konnte, dass das kleine Menschlein dort zwischen Leben und Tod das kleine Baby sei, welches ich heute Morgen zur Welt gebracht hatte. Man kann ja so schon kaum glauben, dass man plötzlich ein Baby hat. Aber das?

Irgendwann gingen wir. Wir dürften jederzeit anrufen, auch nachts. Wenn etwas sei, würden sie uns anrufen. An der Rezeption bekamen einen Schlüssel für ein Appartement (völlig unbürokratisch), suchten und fanden es, gingen hinein und fielen ins Bett. Wir hatten einfach nichts dabei. Johannes schlief kaum, ich hingegen wie ein Stein. Das Handy blieb gottseidank ruhig.

Dass wir Madita vielleicht nicht lebend wiedersehen würden, erreichte mein Hirn nicht. Ich habe das nicht so verstanden in dem Moment. Erst rückblickend.

Johannes hingegen hatte es sehr verstanden.

Ich weiß bis heute nicht, wie ich es nach Leipzig, auf die Station, in das Appartement geschafft habe.

Am Anfang weinte ich vor allem darüber, dass mein Baby so weit weg ist, wir kein Wochenbett haben, der Zauber der ersten Zeit, auf die wir uns so gefreut hatten, zerstört ist. Das war für mich einfach das allerschlimmste. Wie gesagt, ich habe erst ein paar Tage später die wirkliche Dramatik (dass sie nämlich wirklich fast gestorben wäre) begriffen. Dann ließ auch der Schmerz über das verlorene Wochenbett nach.

Weißt du, wieviel Sternlein stehen?

Weißt du, wieviel Sternlein stehen
an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wieviel Wolken gehen
weithin über alle Welt?
Gott der Herr hat sie gezählet,
dass ihm auch nicht eines fehlet
an der ganzen großen Zahl,
an der ganzen großen Zahl.

Weißt du, wieviel Mücklein spielen
in der heißen Sonnenglut,
wieviel Fischlein auch sich kühlen
in der hellen Wasserflut?
Gott der Herr rief sie mit Namen,
dass sie all ins Leben kamen,
dass sie nun so fröhlich sind,
dass sie nun so fröhlich sind.

 Weißt du, wieviel Kinder frühe stehn
aus ihrem Bettlein auf,
dass sie ohne Sorg und Mühe
fröhlich sind am Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen
seine Lust, sein Wohlgefallen,
kennt auch dich und hat dich lieb,
kennt auch dich und hat dich lieb.

Weißt du, wieviel Kinderseelen
kommen zu uns auf die Welt?
Wieviel Kinder uns so fehlen,
weil das Schicksal sie nicht hält?
Gott der Herr rief sie mit Namen,
dass sie all ins Leben kamen,
kennt auch dich und hat dich lieb,
kennt auch dich und hat dich lieb.

Wilhelm Hey 1837
Textfassung vierte Strophe: Birgit Pfahl